Die meisten von der Polizei registrierten Opfer von Menschenhandel kommen aus den mittel- und osteuropäischen Ländern. Die bis vor einigen Jahren am stärksten vertretene Gruppe der Opfer aus Russland wurde verdrängt durch die Frauen aus den neuen EU-Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Ungarn, u. a. Die Zahl der Frauen aus Afrika ist in den letzten Jahren gestiegen. Nach wie vor sind Frauen aus Asien und Lateinamerika betroffen.
Was treibt die Frauen aus ihren Herkunftsländern? Warum lassen sie ihre Kinder zurück? Warum lassen sie sich anwerben und vertrauen skrupellosen Händlern und kommen in Situationen, die gefährlich für sie werden?
Die gewaltigen wirtschaftlichen Transformationsprozesse in den mittel- und osteuropäischen Ländern sind geprägt durch Verringerung des Lebensstandards, Massenarbeitslosigkeit, Verarmung großer Teile der Bevölkerung und den Abbau von sozialen Leistungen.
Gleichzeitig gibt es in diesen Ländern eine aufstrebende wirtschaftliche Entwicklung mit Gewinnern und Verlierern. Die Frauen stehen regelmäßig auf der Verliererseite.
Frauen sind bei der steigenden Arbeitslosigkeit meist als erste betroffen bzw. sie haben die geringeren Verdienstmöglichkeiten. In wirtschaftlich kritischen Situationen sind es häufig gerade die Frauen, die durch ihre Arbeit ihre Familien unterstützen und versuchen, das finanzielle Überleben zu sichern.
Mütter sorgen sehr häufig alleine für ihre Kinder, Frauen sorgen für Eltern und Geschwister oder für den arbeitslosen Ehemann. Oft nehmen sie mehrere Jobs an, um das Überleben zu sichern.
Korruption, Kriminalität und die Abnahme der Solidarität untereinander machen das Leben schwer. Die Bevölkerung leidet unter dem Verlust des Vertrauens in die Mitmenschen und in die staatlichen Funktionsträger.
In den Westen gehen, um der wirtschaftlichen Not zu entfliehen und sich alles leisten zu können oder auch, um privilegierte Europäer kennen zu lernen, sich zu verlieben und zu heiraten – solche Traumbilder gelten als Symbol des Wohlstandes, des modernen und besseren Lebens, des Fortschritts und der Anerkennung. Es ist auch der Traum von einem Leben in Freiheit und Menschenwürde.
Besonders sehr junge Frauen träumen in ihrer Perspektivlosigkeit von dem ganz großen Glück im Westen und von der Erfüllung ihrer materiellen Träume. Westliche Konsumgüter wirken anziehend.
Gergana aus Bulgarien berichtet: „Ich habe als ungelernte Verkäuferin gearbeitet und monatlich 300,- € brutto verdient. Die Schuhe, die ich mir gerne kaufen wollte, kosteten ca. 50,- €, ein Markenlippenstift 15,- € und ein Shampoo 5,- €. Eine eigene Wohnung kann ich mir nicht leisten, da die Miete für eine einfache 2-Zimmer-Wohnung etwa bei 250,- € liegt.“
Bei den Minderjährigen ist zu beobachten, dass sie häufig auch aus der Familie flüchten, vor Missbrauch, vor Gewalt und vor alkoholkranken Eltern. Manche der Mädchen leben bei den Großeltern oder sind einfach familiär nicht versorgt und auf sich alleine gestellt.
Ludmilla lebte in einem kleinen Dorf, die Mutter war arbeitslos und der Vater verdiente sehr wenig. Die meisten Freundinnen waren nach der Schule in die Stadt gegangen, auch sie sah keine Zukunft für sich im Dorf. Sie langweilte sich. Sie antwortete auf eine Anzeige und arbeitete als Vertreterin für Haushaltswaren. Ihr Chef machte ihr das Angebot, in Deutschland als Putzfrau viel Geld verdienen zu können. Sie glaubte ihm und wurde dann in Deutschland zur Prostitution gezwungen.
Zwei 17-jährige Frauen aus Lettland wussten zwar, dass sie in einer Bar oder auch im Rotlichtmilieu arbeiten sollten, aber sie hatten völlig falsche Vorstellungen von dem Geschäft. Sie glaubten, ihre Aufgaben lägen ausschließlich darin, sich sexy anzuziehen und mit Männern an der Bar zu flirten. Sie wurden letztlich zum Geschlechtsverkehr mit Männern gezwungen.
Ein Großteil der afrikanischen Opfer von Menschenhandel kommt aus Nigeria, einem der ärmsten Länder der Welt. Beispielsweise hat nur die Hälfte der Bevölkerung Zugang zu sauberem Wasser. Entsprechend groß sind die Erwartungen an Deutschland.
Perspektivlosigkeit, mangelnde Schul- und Berufsbildung, fehlende Erwerbsmöglichkeiten, tiefe Armut und der existenzielle Kampf ums Überleben treiben die Frauen in die Hände gefährlicher Händler und Zuhälter. Spezifisch für diese Strukturen sind sogenannte Voodoo-Rituale, an deren Wirkung die Frauen stark glauben. Mittels Voodoo führen die Händler Frauen in die psychische Abhängigkeit, halten sie darin fest und kontrollieren sie.
„Man hat Haare von mir vom Kopf, von den Achselhöhlen und Schamhaare abgeschnitten und in ein Holzgefäß getan, und man hat Fingernägel und Blut dahinein getan. Davor hat man mich fotografiert und das Foto von mir auch in das Gefäß getan, man hat mir gedroht, falls ich das Geld nicht zurückzahlen würde, dass man mir ein Tagba (eine Puppe) schicken würde und dass ich dann durch einen Fluch krank werden würde und niemand im Krankenhaus herausfinden würde, was mir fehlt. Außerdem hat man mir mit einer Rasierklinge ein Zeichen auf die rechte Hand und auf den rechten Fuß gemacht. Man hat mir erklärt, wenn ich das Geld nicht zurückzahle, werde ich mit der rechten Hand und dem rechten Fuß Probleme haben.“
(Junge Frau aus Nigeria, Quelle: FIM e.V.)
Eine weitere Besonderheit dieser Strukturen ist die Figur der „Madams“. Diese oftmals ehemaligen Prostituierten fungieren als Zuhälterinnen und Händlerinnen, die die Frauen einerseits ausbeuten und ihnen andererseits das Gefühl geben, sich in einer afrikanischen, scheinbar vertrauenswürdigen Community zu befinden.